Im Februar fand im Rahmen der 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin in der Sektion Berlinale Classics die Weltpremiere der digital restaurierten Fassung von GEHEIMNISSE EINER SEELE (1926, Regie G. W. Papst) der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung mit innovativem, interaktivem Musikkonzept des südkoreanischen Komponisten Yongbom Lee, produziert von 2eleven music statt. Aufgeführt wurde sie durch das Ensemble Broken Frames Syndicate.
Die digitale Restaurierung des Films GEHEIMNISSE EINER SEELE wurde ermöglicht durch das FFE - Förderprogramm Filmerbe, finanziert durch BKM, Länder und FFA sowie durch Unterstützung unseres Fördervereins "Freunde und Förderer des dt. Filmerbes e.V.".
Die Weltpremiere war eine Zusammenarbeit der Internationalen Filmfestspiele Berlin mit der Deutschen Kinemathek in Kooperation mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und ZDF/ARTE.
Unser Leiter Restaurierung/ Digitalisierung Luciano Palumbo betreute das Projekt gemeinsam mit Torgil Trumpler, Restaurator.
Die TV-Premiere auf ARTE folgt im Mai 2026.
Synopsis
Als der Chemiker Martin Fellmann erfährt, dass der charmante Vetter seiner schönen Frau nach langer Zeit aus Indien zurückkehrt, häufen sich bei ihm bizarre, furchterregende Träume. So stellt er sich etwa vor, dass er versucht, seine Frau mit einem Dolch zu erstechen. Dieser Traum verfolgt ihn so sehr, dass er am nächsten Tag von einer wahren Messer-Phobie besessen ist. Seine Frau und deren Vetter beginnen indes, sich Sorgen um den Mann zu machen, dessen eigene, wahnhafte Verzweiflung in dem Versuch endet, seine Frau tatsächlich zu erstechen - gerade so, wie er es in seinem Traum vorweggenommen hat.
Voller Schrecken über sein eigenes, unkontrolliertes Verhalten flieht der Mann aus seinem Haus, zieht zu seiner Mutter und konsultiert einen Psychoanalytiker. In langen Sitzungen erzählt er dem Arzt von Träumen und Erinnerungen, von Erlebnissen, die ihn in der Kindheit geprägt haben und von Ängsten, die ihn noch heute plagen. Wie ein Puzzle setzen sich die einzelnen Fragmente zusammen und langsam kann der Analytiker zum Kern der Probleme seines Patienten vordringen.
Zum Film
Nur wenige Namen sind so untrennbar mit dem Stummfilm verbunden, wie Georg Wilhelm Pabst. 1925 gelang ihm mit DIE FREUDLOSE GASSE sein erster großer Erfolg. Der Film gilt bis heute als Meisterwerk des sozialkritischen Realismus, welches Pabsts Ruf als Meister der "Neuen Sachlichkeit" begründete. 1926 drehte er für die Kulturfilmabteilung der Ufa seinen berühmten Film GEHEIMNISSE EINER SEELE. Gedreht von September bis November 1925, wurde er von der Ufa als „psychoanalytischer Film“ beworben und mit dem Prädikat „volksbildend“ versehen. Unter wissenschaftlicher Beratung der Psychoanalytiker Karl Abraham und Hanns Sachs hergestellt, zweier Mitarbeiter Sigmund Freuds, hatte Pabst den Anspruch, einen dokumentarischen Krankenbericht auf wissenschaftlicher Grundlage zu schaffen.
Inhaltlich lässt sich der Film der Neuen Sachlichkeit zuordnen, was sich insbesondere durch den Realismusanspruch Pabsts und die nüchterne Erzählweise zeigt. Formalästhetisch greift er in den Traumsequenzen auf Gestaltungsmittel des zeitgenössischen filmischen Expressionismus zurück, ohne jedoch dessen Metaphorik zu reproduzieren.
Seine Inszenierung differenziert die Handlungsebenen durch ihre klare Bildgestaltung: Die Traumsequenzen erscheinen nächtlich, vor dunklem Hintergrund und in visionärer Montage. Dem gegenüber stehen die szenisch angelegten, vor hellem Hintergrund gedrehten Kindheitserinnerungen des Protagonisten. Die filmische Gegenwart – das Paar und die Psychoanalysesitzungen – wird dabei in sachlich reduzierten, zurückhaltenden Bildern dargestellt. So spiegelt die kinematografische Form die verschiedene Wirklichkeitsebenen der Handlung (vgl. Kappelhoff, 1994).
Nach seiner Uraufführung am 24. März 1926 wurde der Film von Publikum und Presse neben der beeindruckenden Ästhetik für seine leicht verständliche Auseinandersetzung mit dem hochaktuellen sowie komplexen Thema Psychoanalyse gelobt.
Bearbeitung
GEHEIMNISSE EINER SEELE wurde 1925-1926 von G. W. Pabst im Auftrag der Kulturabteilung der UFA realisiert. Zeitgenössische Materialien des Films sind nicht bekannt. Die digitale 4K-Restaurierung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung besteht aus einer Kombination dreier Ausgangsmaterialien: als Hauptquellen dienten 2025/2026 zwei unvollständige 35mm-Duplikatnegative, eins aus dem Bestand der Cinémathèque Royale de Belgique, das andere aus dem Bundesarchiv. Als Ergänzungselement wurde eine vollständigere 16mm-Kopie einer nordamerikanischen Wiederaufführungsfassung der 1950er Jahre aus dem Harvard University Film Archive miteinbezogen. Alle Materialien stammen vom selben Ursprungsmaterial, aus dem die Zwischentitel herausgeschnitten wurden. Das 16mm-Material besitzt dabei die schlechteste Bildqualität sowie später angefertigte Untertitel in englischer Sprache.
Das Digitalisierungsprojekt wurde vom FFE- Förderprogramm Filmerbe mitfinanziert.
Die Schwerpunkte des Projekts waren folgende:
Die Rekonstruktion der korrekten Schnitt- und Titelreihenfolge auf Basis der Sekundärquellen und der Zensurkarte.
Die Gestaltung der neu erstellten Zwischentitel, die in den Ausgangsmaterialien nicht mehr enthalten sind und sich an zeitgenössisch verwendeten Schriftsätzen orientiert.
Die manuell ausgeführte digitale Retusche besonders abgenutzter Sequenzen, in die ein Arbeitsaufwand von über 150 Stunden investiert wurde.
Die Lichtbestimmung und die Angleichung der Kontrastgradation der verschiedenen Quellen, die aufgrund der unterschiedlichen Materialien stark voneinander abweichen.
Das Ergebnis ist eine möglichst vollständige Annäherung an den Schnitt und die visuelle Gestaltung der Uraufführungsfassung des Films, der aufgrund seiner experimentellen Fotografie und Regie von der zeitgenössischen Kritik enthusiastisch gelobt wurde.