Als der Chemiker Martin Fellmann erfährt, dass der charmante Vetter seiner schönen Frau nach langer Zeit aus Indien zurückkehrt, häufen sich bei ihm bizarre, furchterregende Träume. So stellt er sich etwa vor, dass er versucht, seine Frau mit einem Dolch zu erstechen. Dieser Traum verfolgt ihn so sehr, dass er am nächsten Tag von einer wahren Messer-Phobie besessen ist. Seine Frau und deren Vetter beginnen indes, sich Sorgen um den Mann zu machen, dessen eigene, wahnhafte Verzweiflung in dem Versuch endet, seine Frau tatsächlich zu erstechen – gerade so, wie er es in seinem Traum vorweggenommen hat. Voller Schrecken über sein eigenes, unkontrolliertes Verhalten flieht der Mann und konsultiert einen Psychoanalytiker. Wie ein Puzzle setzen sich die einzelnen Fragmente zusammen und langsam kann der Analytiker zum Kern der Probleme seines Patienten vordringen.
Georg Wilhelm Pabst gelang 1925 mit DIE FREUDLOSE GASSE sein erster großer Erfolg. Der Film gilt bis heute als Meisterwerk des sozialkritischen Realismus, welches Pabsts Ruf als Meister der Neuen Sachlichkeit begründete. GEHEIMNISSE EINER SEELE wurde 1925-1926 von ihm im Auftrag der Kulturabteilung der Ufa als erster Film realisiert. Unter wissenschaftlicher Beratung der Psychoanalytiker Karl Abraham und Hanns Sachs hergestellt, zweier Mitarbeiter Sigmund Freuds, hatte Pabst den Anspruch, einen dokumentarischen Krankenbericht auf wissenschaftlicher Grundlage zu schaffen.
Inhaltlich ist der Film der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen, was sich insbesondere durch Pabsts Realismus und die nüchterne Erzählweise zeigt. Formalästhetisch greift er in den Traumsequenzen auf Gestaltungsmittel des filmischen Expressionismus zurück, ohne jedoch dessen Metaphorik zu reproduzieren. Nach seiner Uraufführung am 24. März 1926 wurde der Film von Publikum und Presse neben der beeindruckenden Ästhetik für seine leicht verständliche Auseinandersetzung mit dem hochaktuellen sowie komplexen Thema Psychoanalyse gelobt.
Bearbeitung der Murnau-Stiftung
Die digitale 4K-Restaurierung 2025/2026 besteht aus einer Kombination dreier Ausgangsmaterialien: als Hauptquellen dienten zwei unvollständige 35mm-Duplikatnegative dem Bestand der Cinémathèque Royale de Belgique und aus dem Bundesarchiv. Als Ergänzungselement wurde eine vollständigere 16mm-Kopie einer nordamerikanischen Wiederaufführungsfassung der 1950er Jahre aus dem Harvard University Film Archive mit einbezogen. Die Rekonstruktion der der Zwischentitel erfolgte auf Basis der Sekundärquellen und der Zensurkarte. Die digitale Restaurierung von GEHEIMNISSE EINER SEELE wurde ermöglicht durch das FFE – Förderprogramm Filmerbe, finanziert durch BKM, Länder und FFA sowie durch Unterstützung unseres Fördervereins „Freunde und Förderer des dt. Filmerbes e.V.“.
Bild: Quelle - Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Das Murnau-Gästebuch
GEHEIMNISSE EINER SEELE
Regie: G. W. Pabst, DE 1926, 84 min, DCP mit eingespielter Musik von Yongbom Lee i.A. von ZDF/Arte, Einspielung: Broken Frames Syndicate & AIAR Collective, Musikverlag: 2eleven edition musiQ, DF, FSK: ungeprüft, mit Werner Krauß, Ruth Weyher, Ilka Grüning