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Zum ersten Mal im Murnau-Filmtheater: Die Tragikomödie DER GEIGER VON FLORENZ kehrt 2018 in der digitalen Restaurierung durch die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung auf die Kinoleinwand zurück. Die Weltpremiere fand vor traumhafter Kulisse im Rahmen der UFA Filmnächte im Kolonnadenhof des Weltkulturerbes Museumsinsel in Berlin am Mittwoch, den 22. August 2018 statt.

Bei der Uraufführung spielte das Ensemble I solisti di Francoforte eine neu komponierte Musik von Uwe Dierksen, die im Auftrag von ZDF/ARTE entstand. Diese ist nun auch eingespielt im Murnau-Filmtheater zu hören.

Bisher war der jungen Renée die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres geliebten Vaters sicher. Doch nach seiner Hochzeit verändern sich die häuslichen Verhältnisse. Getrieben von Eifersucht beginnt das Mädchen einen erbitterten Konkurrenzkampf mit der Stiefmutter. Als ein Versöhnungsversuch scheitert, schickt der Vater die stürmische Renée schließlich in ein Schweizer Internat. Sie aber flieht als Hirtenjunge verkleidet über die Grenze nach Italien. Während ihrer Reise durch das Land wird ein Maler auf Renées Geigenspiel aufmerksam. Er nimmt den vermeintlichen Jungen bei sich auf – und findet schon bald in Renée seine Muse…

Zu Film und Restaurierung
Nach dem Erfolg des ersten Bergner-Czinner-Films NJU (1924) hatte die Ufa 1925/26 DER GEIGER VON FLORENZ produziert. Die Premierenkritik feierte ihn für die Entdeckung Elisabeth Bergners als neuen Typus Leinwandstar.

Bislang war DER GEIGER VON FLORENZ in einer massiv gekürzten und veränderten US-Version verfügbar. Der US-Verleiher hatte in der rund 80minütigen Tragikomödie nur eine deutsche Antwort auf Mary Pickford-Komödien gesehen und ihn auf 60 Minuten zu einem Backfischdrama mit komödiantischem Einschlag gekürzt.

Die deutsche Verleihfassung, die am 10. März 1926 im Gloria-Palast der Ufa Premiere hatte, muss als verloren gelten. Jedoch sind zwei weitere Exportfassungen, eine Verleihkopie mit russischen Zwischentiteln und ein für den britischen Markt verwendetes Originalnegativ aus dem Bundesarchiv weitaus vollständiger als die kursierende US Version.

Regisseur Paul Czinner nutzt den spielerischen Wechsel von Kammerspiel, Tragikomödie und Reisefilm als Spiegelbild der emotionalen Schwankungen seiner Hauptfigur. Diese Dramaturgie offenbart sich erst mit der Entdeckung einer Rückblende in der russischen Kopie und im britischen Originalnegativ, die Renées Erinnerung an eine Italien-Reise mit ihrem Vater nach dem Tod ihrer Mutter zeigt. Mit weiteren Handlungsmomenten bringen die russische und britische Version auch einige Aufnahmen zurück, die Renée als Vagabund durch die italienische Landschaft um den Lago di Lugano und Shakespear`schen Cross-Gender-Momenten mit Walter Rilla als Maler zeigt.

Obwohl die russische Version zunächst am vollständigsten erschien, erwies sie sich als Grundlage der Restaurierung als am wenigsten geeignet. Massive Schäden durch Abnutzung haben immer wieder Bildsprünge bis hin zu teilweise oder ganz fehlenden Einstellungen an den Rollenwechseln verursacht. Glücklicherweise zeigte sich, dass die Kürzungen, die der britische Verleiher im Originalnegativ vorgenommen hatte, in zwei separaten Rollen erhalten sind. Darin befanden sich auch sämtliche Inserts mit Renées Tagebucheinträgen, Briefen und Zeitungsausschnitten auf Deutsch. Mit den wieder eingefügten Schnitten erwies sich das Originalnegativ als vollständiger als die russische Fassung.

Die deutschen Zwischentitel sind nicht erhalten, doch ist ihr Text auf der Zulassungskarte vom 9. März 1926 aus dem Bundesarchiv dokumentiert. Die beiden Schnitt-Rollen enthielten auch Fragmente von zwei Titeln und die Besetzungsliste als vollständigen Rolltitel, so dass eine Referenz für die Typografie der deutschen Titel vorlag. Die Besetzungsliste wurde im Original übernommen und die Zwischentitel in einer ähnlichen Typografie neu gestaltet.

Die digitale Restaurierung wurde ermöglicht durch die Unterstützung von Bertelsmann als Hauptsponsor sowie mit Mitteln aus der Digitalisierungsoffensive der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Foto oben: Quelle Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

So 25.11. 15.30
Mi 28.11. 20.15
Weimarer Kino – neu aufgelegt
DER GEIGER VON FLORENZ
Regie: Paul Czinner, DE 1925/26, 82 min, DCP mit eingespielter Musik des Ensemble I solisti di Francoforte (Komposition: Uwe Dierksen), FSK: ungeprüft, mit Elisabeth Bergner, Conrad Veidt, Nora Gregor

Einführung: Restauratorin Anke Wilkening am 28.11.

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