Direkt zum Inhalt

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten vor 85 Jahren bedeutete eine jähe Zäsur in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens. Auch in der Filmindustrie hielt die nationalsozialistische Filmpolitik unmittelbar Einzug.

Die Reihe Das Jahr 1933 stellt einige Produktionen aus dem Jahr vor und beleuchtet inwiefern diese Filme und die beteiligten Filmschaffenden bereits im ersten Jahr der Machtergreifung von der NS-(Film-)Politik betroffen waren.
Wie einerseits jüdische Filmschaffende von den Filmfirmen entlassen, ihre Namen aus den Stabangaben gelöscht wurden und vor den Nationalsozialisten fliehen mussten, aber auch Filme der neuen Filmzensur unterworfen wurden, einfach weil sie nicht ins Bild der NS-Ideologie passten. Andererseits gibt es auch Filmbeispiele aus dem Jahr 1933, die zeigen, dass konservative, nationale oder sogar nationalsozialistische Tendenzen bereits in der Weimarer Republik und damit auch in der Filmindustrie verbreitet waren oder auch einige Filmschaffende, trotz oder gerade wegen ihrer „unpolitischen“ Haltung, gerade im Nazi-Kino Karriere machten.

Im Mai zeigen wir das Bergfilmdrama S.O.S. Eisberg von Arnold Fanck, in dem sich Elemente des Bergfilmdramas und des Katastrophenfilms vermischen. Fanck drehte seine Filme fast ausschließlich an Originalschauplätzen, so auch S.O.S. EISBERG, der tatsächlich vor Grönland spielt. Bei den Dreharbeiten verlangte Fanck seinen Darstellern alles ab, um dramatische und glaubhafte Einstellungen zu erzielen. Fanck arbeitete mit seinem bewährten Kamerateam um Richard Angst und Hans Schneeberger, auch die Hauptdarstellerin Leni Riefenstahl gehörte bereits seit mehreren Jahren zu Fancks ständigen Mitwirkenden.
Das Drehbuch basiert auf Motiven der Hörspielvorlage von Friedrich Wolf, die den Absturz des Luftschiffes „Italia“ im nördlichen Eismeer im Jahr 1928 und die sich daran anschließende internationale Rettungsaktion behandelt. Betont die Vorlage noch die Rolle des Funkverkehrs für die internationale Solidarität (die italienischen Havaristen werden schließlich durch einen sowjetischen Eisbrecher gerettet), so wird S.O.S. EISBERG aus betont nationaler Perspektive erzählt: Eine deutsche Funkstation koordiniert die Suchaktion, ein deutscher Flieger bringt die Rettung.
Fanck Werke werden in der Literatur häufig als Filme mit präfaschistischer Ästhetik bezeichnet, an der sich Riefenstahl später unter den Nationalsozialisten orientiert haben soll. Tatsächlich lehnte Fanck nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zunächst das Angebot einer Zusammenarbeit mit dem Propagandaministerium ab und arbeitete weiter mit jüdischen Filmschaffenden.
Allerdings tauchte im Vorspann des im August 1933 uraufgeführten S.O.S. EISBERG der Name des Autors Friedrich Wolf wegen seiner jüdischen Herkunft und Mitgliedschaft in der KPD nicht mehr auf.
1940 trat Fanck in die NSDAP ein und arbeitete zeitweise auch für die nationalsozialistische Propaganda. Die Dokumentationen über das neue Berlin, den Atlantikwall, über die Bildhauer Arno Breker und Josef Thorak wurden nicht mehr selbständig von ihm, sondern unter anderem von der Leni-Riefenstahl-Filmproduktion produziert – so hat er seine letzten Filme unter der Verantwortung seiner ehemaligen Schülerin realisiert.
Seine Werke der NS-Zeit wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von den alliierten Militärregierungen verboten, Fanck erhielt keine Aufträge mehr, verarmte und arbeitete als Waldarbeiter.

Im Juni zeigen wir den Abenteuerfilm FLÜCHTLINGE, der die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie sowie das Führerprinzip verherrlicht. Der Propagandafilm erhielt das Prädikat „Staatspolitisch und künstlerisch wertvoll“. Der Regisseur, Gustav Ucicky, war einer der bedeutendsten NS-Regisseure. Er drehte Filme wie DAS FLÖTENKONZERT VON SANSSOUCI und den das Soldatentum verherrlichenden U-Bootfilm MORGENROT, die seinen Bekanntheitsgrad steigerten. Gemeinsam mit Drehbuchschreiber Gerhard Menzel erarbeitete er insgesamt 14 Filme, die allesamt propagandistische Tendenzen in nationalsozialistischem Sinne aufwiesen. Wegen dieser Tätigkeit wurde ihm nach Kriegsende ein Arbeitsverbot in Deutschland und Österreich auferlegt, welches in Österreich jedoch im Jahre 1947 bereits wieder aufgehoben wurde. 

Foto oben: Quelle Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

« Zurück