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Film

DER MÜDE TOD - INTERVIEW MIT ANKE WILKENING

Die Restaurierung von DER MÜDE TOD wird von Anke Wilkening geleitet. Mit der Restauratorin der Murnau-Stiftung sprach Horst Martin im Dezember 2015.

Warum ist die Digitalisierung und Restaurierung von DER MÜDE TOD aus Ihrer Sicht notwendig?    
Anke Wilkening: „Bislang hatten wir kein hochauflösendes Digitalisat des Films.  Bislang lag nur eine inzwischen veraltete Digitalisierung im SD-Format (Standard Definition) vor, die für eine TV-Ausstrahlung in den 1990er Jahren entstanden war. Diese Auflösung ist heute für Fernsehen, Kino und für BluRay nicht mehr ausreichend.“

Was ist das Hauptproblem bei der bisherigen Fassung?
„Es fehlen die Farben! Der DER MÜDE TOD kam 1921 nicht als Schwarz-Weiß-Film ins Kino, sondern war eingefärbt –viragiert (Einfärbung des Trägers der fotografischen Emulsion) und getont (Einfärbung der fotografischen Emulsion). Diese Färbung war ein wesentlicher Bestandteil der Filmsprache: Es wurden dramatische Akzente gesetzt oder ganz einfach Tag und Nacht kenntlich gemacht. Beispielsweise wurden Nachtszenen, meist bei Tag gedreht, und anschließend in Blautöne gefärbt. Diese Färbung war damaligen Zuschauern als Code für Nacht bestens vertraut.

Warum gibt es von gefärbten Stummfilmen wie DER MÜDE TOD überhaupt Schwarz-Weiss-Fassungen?    
Die bisher kursierenden Fassungen sind schwarz-weiss, weil sie auf später entstandene Kopien zurück gehen - also nicht auf zeitgenössische Verleihkopien von 1921, sondern aus den 1930er Jahren und später. Im Gegensatz zu den frühen 1920er Jahren konnte das inzwischen empfindlichere Filmmaterial alle Farbtöne in Grauabstufungen darstellen. Deshalb verzichtete man zunehmend auf das mühevolle und teure Einfärben, das in Handarbeit erfolgt: Für jede Farbe gab es ein Farbbad, in das die einzelnen Szenen eingetaucht wurden.

Wie wirkt der Film in schwarz-weiss?    
Die bisherigen schwarz-weiss-Kopien geben den Film verfälscht wieder, denn in ihnen erscheinen alle bei Tag gedrehten Nachtszenen wie Szenen am helllichten Tag. Besonders absurd wirkt dies beim dramatischen Finale des Films: Ein Haus brennt bei Nacht, die Insassen fliehen und die Dorfbewohner versuchen das Haus zu löschen. Was man sieht, sind Totalen des brennenden Hauses, die bei Nacht gedreht wurden, und parallel geschnitten sind mit Aufnahmen von der helfenden Dorfbevölkerung, die jedoch bei Tag gedreht wurden d.h. taghell sind.“

Wie lässt sich die Färbung wiederherstellen?    
„Da keine zeitgenössische Kopie von DER MÜDE TOD aus den 1920er Jahren überliefert ist, standen wir vor dem Problem: Wir wissen zwar, dass der Film gefärbt war, aber nicht wie. Es gibt auch keine weiteren Quellen darüber wie Produktionsunterlagen. Wir haben uns daher zu einer Wiedererschaffung der Färbungen entschlossen. Quelle hierfür sind Filme der Decla-Bioscop aus der gleichen Produktionszeit, von denen noch zeitgenössische Kopien erhalten sind. Darin zeigt sich übrigens auch die ästhetische Vielfalt des Verfahrens: Obwohl die Färbungen nur monochrom waren, gab es unterschiedliche Möglichkeiten eine Szene einzufärben. Beispielsweise konnte eine Tag-Szene im Freien orange, gelb, rosa, oder hellgrün viragiert sein. Anhand anderer Produktionen versuchen wir zu erkennen, inwiefern die Kopierwerke damals Konventionen bei der Einfärbung gefolgt sind. Natürlich wird der Farbplan hypothetisch bleiben, solange keine gefärbte Kopie von DER MÜDE TOD vorliegt.“

Was ist das wichtigste Material der aktuellen Restaurierung?
„Grundlage ist ein 35mm schwarz-weiss Dup-Negativ des Museum of Modern Art in New York. Das MoMA hat 1936 beim Reichsfilmarchiv in Berlin eine 35mm schwarz-weiss Kopie für ihre Sammlung angekauft. Diese haben sie in den 1940er Jahren durch Umkopierung auf s/w Dup-Negativ gesichert. Die Kopie ist inzwischen durch chemische Zersetzung zerstört.

Welche weitere Materialien wurden verwendet?  
Für die Überprüfung der Montage haben wir eine Kopie mit französischen Zwischentiteln aus der Cinémathèque de Toulouse genutzt. Unseres Wissens handelt es sich dabei um die früheste erhaltene Kopie des Films. Sie stammt aus den 1930er Jahren und ist ebenfalls schwarz-weiss. Leider ist sie sehr unvollständig und beschädigt. Wir haben weitere Quellen im Nationalen Filmarchiv (Národní filmový archiv) in Prag und der Cinémathèque Royale in Brüssel gesichtet, die bislang nicht konsultiert worden waren. Darin fanden wir einzelne, bislang fehlende Zwischentitel. Jede der drei Episoden im Film enthält jetzt einen eigenen Vorspann, der jeweils mit einem Personenregister und einem Titel „Die Geschichte des ersten Lichts“ etc. beginnt. Zudem fanden sich die beiden fehlenden Verse, die Filmhistorikerin Lotte Eisner in ihrem Buch nach den Erinnerung von Regisseur Fritz Lang zitiert.     
Für die bereits aus der vorhergehenden Version bekannten Titel verwenden wir die auf Blitztiteln einer Kopie des Gosfilmofond of Russia basierende Faksimile-Titel des Filmmuseum München.“ 
Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob wir nun alle Titel haben, da eine Zulassungskarte, auf der ja alle im Film erscheinenden Texte aufgelistet sind, leider weiterhin fehlt.

Wie lange dauert die Restaurierung?     
Von der Recherche bis zur Fertigstellung rechnen wir mit einem Jahr. Das Projekt hat Ende 2014 begonnen und wird von der Murnau-Stiftung in Wiesbaden kuratiert und gesteuert. Die technischen Arbeiten finden bei L’Immagine Ritrovata – Film Restoration & Conservation in Bologna statt.

Was wird die neue Fassung auszeichnen?     
„Die Wiedererschaffung der Färbungen und die Entdeckung einiger Titel: Durch die Färbungen wird man die Tageszeiten nun endlich wieder nachvollziehen können. Sie spielen für die Struktur des Films eine große Rolle, da sie in den Versen aufgegriffen werden. Die Tageszeiten der Rahmenhandlung bestimmen die Stimmung des Films entscheidend mit. Die bisherige schwarz-weiss-Version war insofern kontraproduktiv.
Die wiederentdeckten Titel strukturieren den Film. Vor allem der wiedergefundene 2. Vers des Films erlaubte eine Korrektur der Einteilung von erstem und letztem Vers, so dass nun der erste Vers die Ankunft des Liebespaares Lil Dagover und Walter Janssen bis zur „Entführung“ des Verlobten durch den Tod umfasst. Beide erreichen das Dorf kurz vor Sonnenuntergang, als der Tod sich zu ihnen in die Dorfkneipe setzt, ist es Abend. Der zweite Vers findet in Gänze bei Nacht statt und beginnt mit Dagovers Suche nach ihrem Verlobten und endet mit ihrem Übergang in das Reich der Toten. In der bisherigen Fassung begann der zweite Vers bereits mit dem Eintreffen der Verlobten in der Kneipe, also während des Abends. Tatsächlich jedoch richtet sich die Verseinteilung nach zeitlichen Abläufen.
Durch eigene Vorspänne für die drei Episoden wird der Eindruck des Film-im-Film betont. Aus zeitgenössischen Programmheften ging das bereits hervor, doch fehlten bislang die Zwischentitel selbst.

Wilkening

Anke Wilkening
Restauratorin / Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Foto: Uwe Dettmar

Clapper-Board

Vortrag Lost and Forgotten Colours – Case studies of Fritz Lang`s DER MÜDE TOD and DIE NIBELUNGEN von Anke Wilkening bei der 1st INTERNATIONAL CONFERENCE COLOUR IN FILM (2./3. März, London).